Nachruf: PCP lessons & Nachschlag: Hip Hop – Sexismus-Diskussion
| Juni 10, 2011 | ||
| 23:00 |
DIES IST KEINE PARTYANKÜNDIGUNG
Hallo liebe Zucker KommilitonInnen,
Dieses Frühjahr haben wir im Zucker mit den Perfect Club Project Lessons ein neues
Konzept erprobt, die Bremer Partylandschaft mit Inhalten zu füllen und gleichzeitig
die subversiven Möglichkeiten einer häufig als unpolitisch wahrgenommenen
Feierkultur auszuloten. Ich möchte diese Mail nutzen, um zwei in meiner
Wahrnehmung offen gebliebene Punkte noch einmal anzugehen: Zum einen der Dank
an alle und zum zweiten die nach wie vor großen Vorurteile gegenüber einer großen
amerikanischen Protestform – dem Hip Hop.
Zunächst also noch einmal ein riesiges, fettes Dankeschön an alle Beteiligten: die
ReferentInnen und DJs, die uns für wie immer zu wenig Geld einen Einblick in ihre
ganz persönliche Musikgeschichte gewährten. Vielen Dank an den Zucker Club, weil
er finanzielle Ausfälle zugunsten eines wirklich spannenden Projektes aufgefangen
hat. Vielen Dank auch an Martin, der mit seinen Flyern jeder lesson die richtige Optik
verpasste. Und vor allem ein fettes Dankeschön an das Publikum! Wir waren alle
wahnsinnig überrascht, dass so viele dazu bereit waren, am heiligen FEIERabend ihr
Gehirn weiter zu beanspruchen und mit offensichtlichem Interesse von Anfang bis
Ende unser Geschwafel zu verfolgen. Wir hatten ganz ehrlich mit nem Dutzend Leute
zu den Vorträgen gerechnet und nicht mit zweihundert! Alle FernstudentInnen finden
hier übrigens den Mitschnitt der letzten PCP lesson pt. 4 Hip Hop:
http://soundcloud.com/pcp-lessons-3/pcp-lessons-pt-4-hip-hop-01
http://soundcloud.com/pcp-lessons-3/pcp-lessons-pt-4-hip-hop-02
Und nun zu dem eigentlichen Anliegen dieser Mail: es gab bei der letzten PCP zum
Thema Hip Hop bei einigen Unmut darüber, dass in den Vorträgen nicht deutlich
genug Stellung zu sexistischen Inhalten, die es in vielen Hip Hop Texten gibt,
bezogen wurde. Mir war an dem Abend zwar bewusst, dass es da Bedarf für weitere
Ausführung gab, war aber leider in dem Moment nicht schlagfertig genug, auf diese
Wünsche einzugehen. Das möchte ich auf diesem Weg nachholen und gleichzeitig
ein größeres Verständnis für gewisse Formen der bunten und weit gefächerten
Hip Hop Kultur erzeugen. Wir hatten an dem Abend nach den Vorträgen noch
angeregte Gespräche zu dem Thema an der Bar und fanden es schade, dass einige
der lautstärksten KritikerInnen während der Vorträge den Boykott der weiteren
Veranstaltung bevorzugten, anstatt mit uns ins Gespräch zu kommen. Ich finde, dass
gerade der Zucker ein Raum sein muss, der für solche Diskussionen offen ist!
In subkulturellen Kreisen neigen wir häufig dazu, Inhalte sehr direkt auf die eigene
Person zu beziehen. Wir dürfen aber nicht den Fehler machen, die Texte
afroamerikanischer Hip Hop Kids vor dem Hintergrund unserer eigenen (Sub)kultur
zu lesen, sondern können nur die Position des Betrachters von außen einnehmen. Im
Grunde so, als sehen wir einen Film. Alternativ können wir uns Hip Hop aktiv
aneignen und auf unsere Lebenswelt anpassen, wie es ja tausendfach weltweit
geschehen ist. Aber Hip Hop, und ich meine damit jetzt in erster Linie Gangster Rap
und verwandte Spielarten, die mit dem Image des Macho Rappers spielen, ist nicht in
einem linksalternativen, studentischen, europäischen Milieu entstanden. Gangster Rap
kommt, wie wir alle wissen, aus den als Ghettos bezeichneten Stadtteilen us-
amerikanischer Großstädte, die hauptsächlich von der afro-amerikanischen
Unterschicht bewohnt werden. Hip Hop ist ein Ausdruck der dortigen Lebensrealität
und nicht unserer. Und eine andere Lebensrealität bildet auch andere Kulturpraktiken
heraus. Neben der Battle-Kultur, welche das spielerische gegenseitige „Dissen“
beinhaltet und auch unter weiblichen Hip Hopern schlagfertig und mit Freude
praktiziert wird (zugegebener Massen viel zu selten auf Platte und hier ist sicherlich
ein berechtigter Ansatzpunkt feministischer Kritik zu suchen) ist das s.g. Signifyin’“
eine der zentralen Kulturpraktiken afro-amerikansichen Kulturschaffens, dass in allen
Kunstformen Anwendung findet. Im Hip Hop wird der Begriff durch „flippin’“
ersetzt, und bedeutet in etwa das Aneignen und ironische Wenden von etwas. Beste
Beispiele sind die Begriffe „Nigga“ und „Bitch“. Beide Begriffe sind in ihrem
ursprünglichen Sinn natürlich Beleidigungen. Die kulturelle Technik des „Signifyin’“
oder „Flippin’“ ermächtigt sich aber dieser Begriffe und wendet sie in etwas
Positives: „My Nigga“ und „My Bitch“. Und diese Technik kann unter prekären
Umständen, in denen die afro-amerikanische Bevölkerung der USA ohne Zweifel
nach wie vor lebt, häufig die einzige Waffe im sozialen Kampf sein, da sie es
ermöglicht, auf sehr subtilen Weg Kritik an der herrschenden Kultur zu üben. So
erklärt sich auch die Rolle des schwarzen Macho Gangsters oder Pimps, die in den
USA eine sehr lange Tradition hat und viel älter ist als Hip Hop und ein Signifyin’
von Clichés darstellt, die weiße Sklavenhalter von schwarzen Sklaven hatten. Das
subtile Signifyin’ dieser Clichés wurde zu Zeiten, in denen offene Kritik an der
herrschenden „Rasse“ mit der Peitsche bestraft wurde, zur überlebenswichtigen
Taktik, um die eigenen Lebensumstände mit einem letzten Rest Stolz zu ertragen und
beziehen sich auf die Konstruktion einer Kausalitätskette zur Legitimierung des
Sklavensystems durch die Weißen: Um die Degradierung der afrikanischen
Menschen zu wie Vieh gehaltenes Eigentum innerhalb eines christlichen
Moralverständnisses zu legitimieren, mussten die Eigenschaften der Sklaven als
tierisch erkannt werden. Menschlich bedeutete: verstandsgesteuert, gottestreu und
keusch. Tierisch bedeutete: triebgesteuert, ungläubig und sexuell ungehemmt. Der
letzte Punkt war zudem ökonomisch zuträglich: denn starke, maskuline Sklaven
wurden regelrecht gezüchtet und daher zum Sex gezwungen. Dass der „Neger“ zum
Projektionsbild unterdrückter sexueller Begierden bei den keuschen weißen Herren
wurde ist vor diesem Hintergrund nicht weiter verwunderlich. Wenn sich ein Afro-
Amerikaner in den USA also als omnipotente „Sex Machine“ darstellt, „flippt“ er
also das alte, negative Bild des wilden, sexualisierten Sklaventieres in ein positives
Bild, allerdings nicht, ohne es ironisch zu brechen. Denn das ist immer ein wichtiger
Punkt des „Signifyin’s“: Es wird eine ironische Distanz zu der gewendeten
Bedeutung aufgebaut. Wenn Snoop Doggy Dog den Pimp posed, dann ist er also
immer nur die Karikatur eines Pimps, der an sich schon die Karikatur weißer
Vorstellungen über schwarze Lebensweise ist. Eine der stärksten Eigenschaften
des „Signifyin’s“ ist es nämlich, dass der performende Narr sich augenscheinlich
selber zum Affen macht, während er durch seinen feinen Humor in Wirklichkeit die
Vorurteile des Betrachters vorführt, ohne dass dieser es zwingend wahrnimmt. In
diesem Sinne sollten wir sehr vorsichtig sein, wenn wir schwarzes Machismo im Hip
Hop verurteilen und darüber nachdenken, ob wie nicht Opfer unserer eigenen
Vorurteile werden. Somit ist Hip Hop als Offenlegung rassistischer Clichés zu lesen
und ähnlich subversiv wie House, der einer schwarzen, homosexuellen Szene Raum
und Identität bot, wie Techno, der den Untergang einer stolzen schwarzen
Arbeiterschaft akustisch abbildete oder Drum’n’Bass, der eine multiethnische
Gesellschaft als wahres Abbild der britischen Kultur sichtbar machte.
Auf die Gefahr hin, den Vorwurf über mich ergehen zu lassen, rassistische
Clichés zu bedienen, welche im Übrigen eine zentrale Rolle bei der Konstruktion
afrodiasporischer Identität spielen, möchte ich mit der afroamerikanischen Adaption
eines westafrikanischen Märchens enden. Denn tatsächlich ist das zum Narren
machen einer anderen Person, um dieser den Spiegel vorzuführen und dadurch
deren Selbsterkenntnis zu fördern, in der westafrikanischen Philosophie eine
legitime Handlung, welcher mit dem Affen Esu sogar ein Gott geweiht ist, und
das „Signifyin’“ bis nach Westafrika zurückverfolgbar macht.
Deep down in the jungle, so they say,
there’s a signifying motherfucker down the way.
There hadn’t been no disturbing in the jungle for quite a bit,
For up jumped the monkey in the tree one day and laughed, „I guess I’ll start some
shit.“ [...]
Now the lion came through the jungle one peaceful day,
When the signifying monkey stopped him and that is what he started to say:
He said, „Mr. Lion,“ he said, „A bad-assed motherfucker [elephant] down your way,“
He said, „Yeah! The way he talks about your folks is a certain shame. I’ve
even heard him curse when he mentioned your grandmother’s name.“
The lion’s tail shot back like a forty-four
When he went down that jungle in all uproar.
When they was fussing and fighting, the lion came back through the jungle more dead
than alive,
When the monkey started some more of that signifying jive.
He said, „Damn, Mr. Lion, you went through here yesterday, the jungle rung.
Now you come back today, damn near hung.“ [...]
[But the monkey’s signifying leads him to get excited and he falls and is captured by
the lion]
The monkey looked up with a tear in his eyes. He said, „Please, Mr. Lion, I
apologize.“
He said, „You lemme get my head out of the sand, ass out of the grass, I’ll
Fight you like a natural man.“ The lion jumped back and squared for a fight.
The motherfucking monkey jumped clear out of sight.
He said, „Yeah, you had me down, you had me at last. But you left me free,
now you can still kiss my ass.“
In diesem Sinne ;-) , lieben Gruß und open your mind, Marten.
jetzt hier statement vom kriz:äh, irgendwie schön und gut. aber reproduktion von sexistischer kackscheiße bleibt halt reproduktion von sexistischer kackscheiße.
ich weiß jetzt nicht genau ob snoop das mit dem patriachat bis ins letzt durchdrungen hat und seinen output als karikatur gesehen haben will. auf jeden tuen das die allermeisten eben nich. kommt halt auch drauf an was hinten rauskommt..
nochmal text ausm netz:
Sexismus und Hip-Hop
Der Sexismus ist im HipHop kaum zu
übersehen: Rumgepose und Mackerverhalten,
Videos mit leicht bekleideten
Frauen, die Reduzierung von Frauen
auf entweder Nutten/Schlampen
oder Mütter/Schwestern, die Ausbreitung
von Machtphantasien gegenüber
Frauen in den Texten und eine verschwindend geringe Minderheit weiblicher Raperinnen zeichnen das Bild einer extrem sexistisch strukturierten Kultur.
Dementsprechend sieht es im Normalfall auf einem Jam aus: die Männerquote ist knapp unter den 100 Prozent. Ist doch einmal eine Frau dabei, dann ist sie in der Regel die Freundin eines der Anwesenden. Nur im seltensten Fall geht sie auf die Bühne und trägt einen Freestyle vor. Ein Battlemit einem der anwesenden Herren findet erst Recht nicht statt.
Denn auf der Bühne reicht es nicht einfach nur zu rappen. Begleitet wird das Ganze von intensiv verinnerlichten
Praktiken, die vor allem eines ausdrücken sollen: Ich bin der Coolere, der Geilere und sowieso besser als der Rest. Noch härter geht es beim Battle zu: der Gegner muss zerschmettert werden, die Beleidigungen müssen bei aller Kreativität so verletzend sein, dass der Kontrahent, bildlich gesprochen, zu Boden geht. Der Härteste – und damit männlichste – gewinnt.
Dass Frauen auf so einen frauenfeindlichen Mackerscheiß keine Lust haben, ist einleuchtend.
Es ist kaum verwunderlich, dass diese Dominanzkultur nicht einmal selten in offenen Sexismus umschlägt. Ein Blick auf MTV/Viva reicht um das mitzubekommen: Der coole und absolut souveräne Mann trägt seine Texte vor. Dazu gibt es “schmückendes Beiwerk” in Form meist tanzender, halbnackter Frauen, über die der Mann verfügen kann. Der Anspruch selbst
denkende Wesen zu sein wird den im Video präsentierten Frauen abgesprochen, sie werden zu Waren, zur Aneignung durch den Mann geschaffen.
Die Texte der Lieder sind dabei keinen Deut besser, sondern strotzen von sexualisierter Gewalt. Deutlich wird das an Rappern wie beispielsweise Bushido, der sich 2005 in einem Interview mit der Bravo, in dem es um seine bevorstehende Verheiratung mit einer ihm unbekannten Frau aus dem Libanon ging, über den “großen Komplex der deutschen Frauen” ausließ, den nämlich “so krass emanzipiert sein” zu wollen: “Außerdem bin ich der Mann – ich habe eh immer recht!”
Eine klare Trennlinie scheint im Denkmuster der Machos vom Dienst zwischen ihrem eigenen familiären weiblichen Umfeld und allen anderen Frauen zu verlaufen, frei nach dem Motto: “Alles Schlampen, außer Mutti.” Und so widerspricht es sich keineswegs, dass ein Sido in seinem Vokabular das Wort “Frauen” restlos durch “Schlampen”, “Huren” und “Nutten” ersetzt zu haben scheint, aber dennoch einen Track schreibt, in dem er seine Mutter über alles lobt. Frauen sind, so die Logik, nicht grundsätzlich Schlampen, sie können sich auch fügen und, vermittelt durch das Instrument der Familie, sich dem Mann restlos zum Untertan machen. Die “Hure” muss sich also dem Mann unterwerfen um in diesem Prozess zur “Mutter” zu werden und damit den Status einer anständigen Frau zu erlangen.
Wirklich dem Trend zuwiderlaufende Tendenzen gibt es im HipHop kaum, und wenn kommen sie meistens von weiblichen MCs. Für eine wirkliche Veränderung müsste dem Sexismus im HipHop der Nährboden entzogen werden und das ist das in der gesamten Gesellschaft zu findende Patriarchat.
Denn letztlich ist auch HipHop nur ein Spiegel der Gesellschaft.
BILD DIR DEINE MEINUNG:)
Gepostet in der Kategorie Events | No Comments »
gepostet am Juni 7th, 2011 von Kriz
Alle Events, wenn nicht anders ausgewiesen, ab 18 Jahren.



